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Archäologin berichtete über Funde in Lindern

Über aktuelle Ausgrabungsfunde im neuen Linderner Baugebiet an der Löninger Straße berichtete die damit betraute Fachfrau Dr. Daniela Nordholz am 28. Juli abends im Heimathaus Lindern.

Die Ergebnisse seien erstaunlich, und deren Vorstellung ist im Zusammenhang mit der Kritik an der Verzögerung der Bauarbeiten durch die Ausgrabungen besonders wichtig. Die Frage ist, ob die Linderner Geschichte vielleicht sogar neu geschrieben werden muss?

Wenn man nach dem Namen der Bewohner Linderns vor der ersten urkundlichen Erwähnung fragt, so gibt es niemanden, der diesen mit Sicherheit angeben kann. Die ersten Menschen, die diese Gegend durchstreiften, sind wohl Jäger und Sammler gewesen. Seit dem 3. Jahrtausend vor Christus ist die Anwesenheit von Menschen im Linderner Raum aber nachweisbar.

Zeugen für diese Zeit sind die tonnenschweren, nicht zu übersehenden Hünensteine. Die damaligen Bewohner von Lindern waren sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter. Unter der Namen "Trichterkultur" fasst die Forschung eine Anzahl Ackerbau und Viehzucht treibender Gruppen zusammen, die Nord- und Mitteleuropa zwischen 3500 und 2100 vor Christus bewohnten.

Gaben Auskunft: (v.l.) Bauamtsleiter Thomas Lüken, Dr. phil. Daniela Nordholz und Helmut Künnen, Vorsitzender HV Lindern, Foto: W. Kock

Das neue Baugebiet in Lindern, in dem zur Zeit archäologisch gegraben wird. Foto: W. Kock

Jetzt hat man in Linderns Ortsmitte an der Löningerstraße ein Baugebiet ausgewiesen, das ca. 3,2 ha groß ist. Es sollen dort 30 Bauplätze als allgemeines Wohngebiet entstehen, so Bauamtsleiter Thomas Lüken beim Informationsabend im Heimathaus. Zur Zeit würden dort Ausgrabungen stattfinden. Mit der Prospektierung wäre im September 2020 begonnen worden. Auftragnehmer ist die Firma ArchaeNord aus Bremen. Inhaberin ist Dr. phil. Daniela Nordholz aus Bremen.

In der Linderner Politik sorgen die archäologischen Untersuchungen im Baugebiet für Frust. Man spricht von den Linderner „Sandkastenspielen". Die Grabungen nehmen viel Zeit in Anspruch und kosten die Gemeinde und auch die Bauinteressenten viel Geld. Auf der anderen Seite fördern die Untersuchungen erstaunliche Ergebnisse mit überdurchschnittlichen Funden zu Tage.

Der Aufgrabungsbeginn war im März 2021 und die Aufgrabungsfläche ist ca. 1,9 ha groß. Es findet zuerst immer (nach Vorgabe des Landkreises) eine Prospektierung der Flächen statt. Das bedeutet, dass ca. zwei Meter breite Suchgräben angelegt werden, um einschätzen zu können, was ist los im Erdreich. Je nach Befundlage erfolgt dann die Anordnung der Denkmalschutzbehörde des Landkreises, die einzelnen Funde mit einem Radius von etwa 15 m freizulegen. Diesen Vorgang nennt man dann Aufgrabung - und in diesem Stadium befindet sich das Projekt im neuen Baugebiet. Verdichtet sich bei der Aufgrabung die Befundlage, muss anschließend um neue Funde herum noch weiter aufgegraben werden, was in Lindern der Fall ist.

Im Rahmen des Infoabends gab Danial Nordholz Auskunft über den Stand der Ausgrabungen bzw. Aufgrabungen. Diese seien bemerkenswert und außergewöhnlich. Die Prospektion, die 10 Prozent der Fläche voruntersuchen sollten, hätten ca. 170 Verdachtsfärbungen und damit potentiell 170 Befunde ergeben. Bei 100 Prozent der Fläche ergibt das also ca. 1700 bis 1800 Befunde.

Inzwischen hätten ihre Mitarbeiter mehr als ein Viertel der zu untersuchenden Flächen geöffnet und liegen im Moment bei etwas mehr als 800 Befunde, so Nordholz weiter. Es können daher insgesamt ca. 2400 Befunde untersucht werden. Da z.B. in den Flächen 2 und 3 die Befundzahl höher ist als erwartet, müssen die Aufgrabungsflächen erweitert werden.

In der Praxis bedeute dies u.a., dass Mitarbeiter unter einem Sonnenschirm stehend und geschützt vor Sonne und Regen die Befunde aufzeichnen und beschreiben, wie z.B. die Farbansprache, diefür die weiteren Erkenntnisse wichtig sind. Des Weiteren könnte man eine Person die auf dem Hügel steht beobachten. Von einem erhöhten Punkt aus, erklärte Nordholz weiter, würden die Befunde in das Landeskoordinatennetz eingepflegt werden (Hoch- und Rechtswert sowie die Höhe mNN), um diese in einem Plan genau einzutragen und auch später noch zu erkennen, wo was war.

Bei den aktuellen Ausgrabungen geht es um einen mehrphasigen Siedlungsplatz mit mindestens zehn, teils überlagernden Hausgrundrissen. Die Keramikfunde datieren von der Vorrömischen Eisenzeit (VEZ) bis zur Völkerwanderungszeit  (VWZ). In der Prospektion wurden auch typisch (spät)bronzezeitliche (BZ) Scherben gefunden. Daher ist die Datierung dieser Funde bei ca. 800 v.d.Z bis 600 A.D. möglich. Der Schwerpunkt liegt allerdings in der Römischen Kaiserzeit (RKZ) und der VWZ.

Die Aufgrabungen werden sicherlich noch mehrere Wochen dauern. Man kann gespannt sein was an interessanten Fundstücken zu bestaunen sind. Daniela Nordholz erklärte sich bereit, in einem Jahr wieder nach Lindern zu kommen und dann nochmals über das gesamt Projekt zu sprechen.

Bericht: Wilhelm Kock